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Neun Jahre

(Ein Erfahrungsbericht über meine Schulzeit an der Gesamtschule Harburg)

Neulich sass ich mit meinen internationalen Freunden zusammen ( ich studier’ naemlich gerade in den Niederlanden, in Groningen, um genau zu sein) und wir unterhielten uns ueber unsere Schulzeit, was man halt so macht, wenn man sich noch nicht so lange kennt und in der Fremde ist. Wir tauschten uns also bei einem Glaeschen Wein aus ueber unsere Erinnerungen und Erfahrungen, Freud und Leid etcetera blabla, und hatten viel zu erzaehlen. Ich hatte ja erwartet, dass die Schulsysteme und die damit verbundenen Erfahrungen sich international stark voneinander unterscheiden ( wir waren ein bunter Haufen aus Italienern, Belgiern, Niederlaendern, Amerikanern, Finnen und Deutschen), was mich aber wirklich fast erschreckt hat, waren die Unterschiede zwischen uns Deutschen. Ich meine jetzt nicht, was das Wissen angeht, dann wir haben uns natuerlich nicht abgefragt, sondern die Art, wie gelehrt und gelernt wurde. Da habe ich doch noch mal zu spueren bekommen, wie zufrieden ich im Rueckblick mit meiner Schulzeit sein kann (schliesslich hat sie mich zu der Person gemacht, die ich jetzt bin).

Als ich noch klein war, so in der ersten Klasse oder so, habe ich meinen Vater mal gefragt, wie lange ich noch zur Schule gehen muss und er sagte, dass es auf jeden Fall dreizehn Jahre wuerden. Das war also schon mal klar! Ich denke, mein Vater haette es Anfangs ganz gerne gehabt, mich nach der Grundschule auf einem traditionsreichen Harburger Gymnasium zu sehen. Er selber hat dort vor vielen Jahren Abitur gemacht. Da ich aber gerne mit meiner besten Freundin zusammen bleiben wollte, die glaube ich keine Gymnasialempfehlung hatte, haben meine Eltern mich an der Gesamtschule Harburg angemeldet (Ausserdem ist meine Mutter so ein bisschen eine sozial informierte und interessierte, sie und ihre Freundin fanden, die Gesamtschule sei gut fuer ihre Kinder). Mir war das ziemlich egal, ich hatte damals weder Ahnung von Schulformen, noch sonst irgendwie vom Leben. Das hat sich dann aber im Laufe der Zeit geaendert: viele lange Jahre spaeter und um viele Erfahrungen reicher habe ich mein Abitur an der GSH gemacht und bin bis heute sehr gluecklich damit. Natuerlich hatte auch ich Zeiten, in denen ich am Liebsten die Schule geschmissen haette, in denen ich meine Lehrer und Mitschueler verflucht habe. Aber wer hat das nicht…

Bis zur zehnten Klasse habe ich mich nie fuer meine Schule rechtfertigen muessen und mir somit auch keine Fragen gestellt, ob ich nun mehr oder weniger oder besseres wuesste als jeder ander Mensch in meinem Alter. Das aenderte sich erst, als ich mehr mit Schuelern anderer Schulen in Beruehrung kam. Und da musste ich mich dann auch echt beweisen.Man konnte damals nahezu jeden Leistungskurs belegen, was dadurch ermoeglicht wurde, dass Schueler der Harburger Oberstufen Kurse in den umliegenden Gymnasien besuchen konnten. Zuerst war ich ein wenig bang, Englisch nun am Heisenberg-Gymnasium zu lernen. In gewisser Weise fuerchtete ich mich, hatte ich doch ein wenig Angst, vielleicht doch nicht ganz so gut zu sein wie "echte" Gymnasiasten ( ich hatte naemlich damals doch einen Freund, der mich immer ein wenig verspottet hat: Puddinggymnasium und so). Und auch mir gegenueber bekam ich echt Vorurteile zu spueren. Anfangs musste ich mich gegenueber der anderen Schueler echt behaupten, was ich aber gluecklicherweise gut hinbekam. Die anfaengliche Skepsis und vielleicht auch nicht ganz wohlwollende Haltung meines Englischlehrers mir und meiner Schulform gegenueber konnte ich echt in Akzeptanz und Anerkennung umwandeln, nicht nur dadurch, dass ich fachlich genauso viel/wenig konnte wie die meissten anderen SchuelerInnen, sondern auch durch mein kommunikatives Wesen, das auf jeden Fall auch durch meine Lehrer gepraegt wurde, die einen immer unterstuetzt und bestaetigt haben.

Durch ein eher gleichberechtigtes Unterrichtskonzept hatte ich immer das Gefuehl, das meine Meinung auch berechtigt und diskussionsfaehig ist.Vielleicht hatte ich auch einfach viel Glueck mit meinen Lehrern, wer weiss? Aber nicht durch Zufall fanden sich an der GSH besonders viele (junge) motivierte/motivierende Lehrkraefte. Und nicht umsonst, gibt es an der GSH viele Versuche, ein traditionelles Unterrichtskonzept in Frage zu stellen und Verbesserungen einzufueren. Sicher habe ich nicht so viele Vokabeln gepaukt wie ich das vielleicht an einem Gymnasium in altgriechisch haette machen muessen. Dafuer habe ich spanisch mit interessanten Texten, Diskussionen und auch Musik gelernt und da haben sich die Vokabeln auch fest eingepraegt, auch ohne Angst vor einem Test ( die spanischen Lieder kann ich heute noch!). Und es war immer Raum da, jedem Schueler einen individuellen Weg anzubieten, mehr zu lernen, zu vertiefen, auf Talente einzugehen.

Dieses Jahr im September hatten wir “Daemmerschoppen”, einen Ehemaligenabend. Und da war es so schoen, die vielen Leute wiederzutreffen. Einige hab ich ja Jahre nicht gesehen, aus meiner damaligen zehnten Klasse sind bestimmt vier fuenftel nach der mittleren Reife abgegangen. Und mit denen habe ich mich eigentlich noch am Besten verstanden. Ich will damit nicht sagen, dass alle Gymnasiasten doof oder langweilig sind, ich denke aber, die verschiedenen Talente und Lebensvorstellungen aller Klassenkameraden haben mich bereichert. Nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch sozial und fachlich.

Am Ende habe ich ein echt gutes Abitur gemacht, ja, auch in meinem externen Leistungskurs. Da war ich sogar eine der drei Besten, siehste mal! Und das, obwohl mich alle dort immer noch versucht haben, mich wegen meines Gesamtschul-Hintergrunds zu aergern. Und ich glaube, dass ich optimal vorbereitet wurde auf das Leben, das nach der Schule kam, PISA-Test hin oder her. So, und mit meiner Freundin, mit der ich damals auf die GSH gekommen bin und die dann spaeter ihren Abschluss ganz woanders gemacht hat, bin ich immer noch befreundet, falls das interessiert! Und ich weiss genauso viel oder wenig wie meine internationalen Kommilitonen, schoen, das festzustellen.

Hanna Charlotte Mueller

z.Zt. wohnhaft in Groningen/Niederlande

Abitur 1998 an der Gesamtschule Harburg